Fühlen Sie sich in Ihrem Alltag lebendig? Haben Sie den Eindruck, Sie leben Ihr Leben? Oder sind Sie mehr auf der Funktionsebene?

Routinen können das Leben erleichtern

Routine kann sehr wohltuend sein. Denn sie kann uns Sicherheit geben und unseren Kopf entlasten. Wenn wir Autofahren lernen müssen wir uns auf sehr viele Handgriffe und Bewegungsabläufe konzentrieren. Wenn wir bereits unseren Führerschein haben, läuft das automatisiert ab. Wir brauchen nicht mehr darauf zu achten, dass wir langsam die Kupplung kommen lassen, wenn wir einen anderen Gang eingelegt haben. Wir tun es einfach. So können wir besser auf den Straßenverkehr achten.
Wenn wir gelernt haben, wie unsere Waschmaschine zu bedienen ist, brauchen wir nicht mehr die Programmwahlmöglichkeiten zu studieren. Wir gehen einfach so vor wie gewohnt. In unserem Alltag finden sich sehr viele Routinen, die uns das Leben erleichtern.

Sie können uns sogar helfen, unser Leben mehr zu genießen. Denn wenn wir nicht die Programmwahlmöglichkeiten unserer Waschmaschine studieren brauchen, ist unser Kopf frei, um beim Befüllen und Einschalten des Gerätes vielleicht den Lindenblütenduft wahrzunehmen und den abendlichen Amselgesang.

Auf der Funktionsebene sein

Etwas anderes ist es, durchgehend auf der Funktionsebene zu sein. Dann sind wir nicht präsent. Wir sind am Machen und Tun – aber wir  selbst sind nicht wirklich da. Wir sind nicht ganz mit unserem Bewusstsein dabei, sondern nur mit einem größeren oder kleineren Teil davon. Die Aufmerksamkeit ist möglicherweise ganz woanders. Auch das kann hilfreich sein: z.B. wenn wir etwas tun müssen, was wir nicht gern tun.

Wenn das Leben an uns vorbeirauscht

Aber wenn wir den ganzen Tag auf der Funktionsebene verbringen, kann es sein, dass uns irgendwann das Gefühl einholt, unser Leben rauscht an uns vorbei. Wir leben nicht wirklich und fühlen uns möglicherweise nicht wirklich lebendig. Die Ebene des Seins, die unser Herz nährt und unser Herz zum Singen bringt, wird nicht genährt. Unser ureigener innerer Klang und unsere Lebensfreude verstummen. Wir sind dann nicht wirklich mit dem verbunden, was uns ausmacht und was uns wichtig ist.

Unsere unwiederbringlichen Lebensmomente sind dann nicht wirklich mit Bewusstsein gefüllt.

Der „Leerlauf des Rades“

Im Qigong gibt es ein ähnliches Phänomen. Man spricht dort vom „Leerlauf des Rades“. Damit ist z.B. das Ausführen einer Bewegungsfolge gemeint, die nicht mit Energie gefüllt ist. Sie ist leer.

Haben Sie schon mal jemandem in die Augen geschaut und den Eindruck gehabt, da ist nicht wirklich jemand zu Hause? So als würden Sie ins Leere schauen? Würden Sie sich einem solchen Menschen anvertrauen, wenn Ihnen etwas auf dem Herzen liegt? Würden Sie sich gesehen fühlen? Oder hätten Sie in einer solchen Situation lieber einen vertrauenswürdigen Menschen als Gegenüber, der präsent und mit seinem ganzen Bewusstsein in der Gesprächssituation mit Ihnen ist? Wie sich die Begegnungen mit anderen Menschen entfalten, kann auch davon beeinflusst werden, ob wir selber präsent im Kontakt sind oder nicht.

Wenn wir die Aktivitäts-Funktions-Ebene loslassen wollen, können wir eine Entscheidung treffen:

Will ich zur Ruhe oder zu mir selbst kommen?

Beides kann angenehm und entspannend sein. Es ist einfach eine Entscheidung, die jeder für sich treffen kann. Wenn es uns darum geht, von einem hohen Aktivitätslevel zur Ruhe zu kommen, können wir vielleicht eine schöne Fantasiereise anhören, einen schönen (nicht aufregenden!) Film ansehen oder uns in der Vorstellung an einen schönen Urlaubsort versetzen. Dann spüren wir Ruhe, sind aber nicht unbedingt bei uns selbst, sondern vielleicht gedanklich ganz weit weg – möglicherweise am Strand von Hawaii.

Wie finden wir von der Funktionsebene zu unserer Lebendigkeit zurück?

Wenn wir unsere Lebendigkeit wieder spüren möchten, geht es darum, uns selbst wieder wahrzunehmen und zu fühlen. Es kann hilfreich sein, eine Zeit lang Inne zu halten. Einfach die Aktivität loslassen. Und dann zusätzlich die Aufmerksamkeit mal nicht nach außen, sondern nach innen richten. Vielen Menschen hilft es, den eigenen Atem zu beobachten, ohne ihn zu verändern. Andere kommen mit Hilfe einer Wahrnehmungsreise durch den Körper wie sie auch beim Qigong praktiziert wird oder durch eine mit Achtsamkeit und Präsenz ausgeführte Massage wieder bei sich selbst an. Bei jedem Menschen kann ein anderer Weg hilfreich sein. Wenn wir so zu uns zurückgefunden haben und mit unserem Inneren verbunden sind, kann es sein, dass wir deutlicher spüren, was uns im Leben nährt und wichtig ist. Unser Leben ist mit mehr Bewusstsein gefüllt. Wir können die angenehmen Aspekte intensiver genießen, sind mit unserer Lebensfreude verbunden und fühlen uns lebendiger.

Oscar Wilde sagt, „To live is the rarest thing in the world. Most people just exist.“
Wie steht es mit Ihnen?